Sonntagsrunde zum Sinn des Nähbloggens - Betty von Staharbeit erzählt

09:37 Mein gewisses Etwas 1 Comments


Guten Morgen, Ihr Lieben!

Heute muss ich gar nicht viel sagen, Bettina macht das schon selbst am besten und hat einfach mal meine Fragen auf ihre Bedürfnisse umgestellt. Ja, so ist sie, ein richtiger Wirbelwind mit äußerst sonnigem Gemüt.

Ich freue mich sehr, dass Du bei meiner Sonntagsrunde dabei bist, liebe Bettina!

1. Erzähl ein bisschen von Dir! 

 „Grüezi, Servus und guten Tag, ich heisse Bettina und habe ein klitzekleines Suchtproblem.“ So beginnt jedenfalls der Text, mit dem ich mich auf meinem Blog „Stahlarbeit“ vorstelle. Na, kommt Euch das bekannt vor? Es geht noch weiter: „Wenn ich ohne Stoff bin, dann geht's mir schlecht. Da man als echter Junkie vorbeugen muss, besitze ich so drei, vier Meter von der besten Ware. Okay, es könnten auch fünf bis sechzig Meter sein. Grob geschätzt. Vom Jersey. Dann noch die Webware, die Bündchen, die Wachstücher...“ Abgesehen davon bin ich relativ normal. (Ich rede mir das jetzt schön, merkt Ihr’s?) Tagsüber verdiene ich meine Brötchen als Journalistin und habe mich dort im Laufe der Jahre auf Familien- und Gesundheitsthemen spezialisiert. Abends und nachts mache ich mein Nähgedöns. (Leider war der Blogname „Das mach’ ich nachts“ schon vergeben. Mist! Es hätte so gut gepasst.)


Okay, Faden verloren. Ähm, ja, ich lebe in der Nähe von Zürich, bin verheiratet, habe zwei Girlies (6 und 8), drei Nähmaschinen und dieses oben erwähnte Stoffproblem. Irgendwie hat BERNINA Wind davon bekommen. Deswegen blogge ich nicht nur privat, sondern auch dort.

Da ich nun noch was zu meinen (allfälligen) anderen Hobbies schreiben soll, sei erwähnt, dass ich leidenschaftlich gerne die Katzenkacke, die alle Stubentiger westlich des Urals in unserem Garten vergraben, wegschaufle. Im Winter ignoriere ich die Kacke und gehe nicht zu den Rosen, nicht zu den Himbeeren und ganz sicher nicht ans Gemüsebeet. So bleibt mehr Zeit zum Nähen. Womit sich der Kreis schliesst.

2. Wie bist Du zum Nähen und zum Bloggen gekommen? Was ist es, das das Nähen / das Bloggen zu etwas Besonderem für Dich macht? 

Obwohl ich sonst gerne den Clown gebe, möchte ich diese Frage ernsthaft beantworten. Seit ich denken kann, war ich immer die, die gut mit Buchstaben, Worten und Sätzen umgehen konnte. Wenn es aber um handwerkliche Dinge ging, wurde ich gerne mit Verweis auf die berühmten zwei linken Händen entschuldigt. Jaja, sie ist eine Künstlerin, sie mag Farben und kann gut zeichnen – aber bitte, gebt ihr NIEMALS ein Werkzeug in die Hand. Und schon gar nix Spitzes. Mann, wie mich das genervt hat. Per Zufall kam ich dann zum Nähen. Das war wie eine Offenbarung. Dieser ganze Prozess des Stoff Auswählens, das Beiwerk, der richtige Schnitt für den richtigen Stoff, die Passform, das Optimieren – ich war entfesselt. Nach und nach wurden die Nähte gerader, die Kleider tragbar – und das Lob grösser. Natürlich mögen wir es, wenn andere unsere Dinge gut finden. Kein Mensch bloggt nur, weil er ein Mitteilungsbedürfnis hat. Wir wollen Anerkennung, wollen Teil einer Community sein, wollen uns beweisen. (Behaupte ich jedenfalls.)

3. Welchen Stellenwert hat das Nähen / das Bloggen in Deinem Leben? 

Sagen wir so: Das Nähen ist im Laufe der Jahre zentral geworden. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Schnitte klebe/Stoff kaufe und oder schneide/nähe/fotografiere/blogge. Obwohl ich Ferien grundsätzlich toll finde, ist das immer das Einzige, was ich wirklich vermisse. (Ich google gerne nach Stoffgeschäften in Urlaubsortnähe. Aber das bleibt unter uns, okay?)



4. Möchtest Du etwas mit Deinem Blog erreichen oder ist es eher ein "einfaches" Nähtagebuch ohne Ziel? 

„Stahlarbeit“ (benannt nach der Arbeit mit Stahlnadeln und Stahlscheren) ist definitiv ein ergebnisorientiertes Projekt. Ich wollte und will viele Dinge erreichen: zeigen, was im kreativen Nähbereich möglich ist, mein Wissen mit anderen teilen, mich vernetzen – und nach und nach mein Blogprofil schärfen. In den letzten zwölf Monaten (so lange blogge ich offiziell) bin ich diesen Zielen ein gutes Stück näher gekommen. Wenn ich mir anschaue, wen ich mittlerweile alles kenne, bei welchen Blogtouren ich dabei sein durfte, welche Kooperationen erfolgreich waren – hey, da wird es mir ganz schwindelig. Vor Glück wohlgemerkt. Was ich auch (nicht immer, aber immer öfter) gut kann, ist Nein Sagen. Ich habe in diesem Jahr einigen grossen Namen einen Korb gegeben. Nicht, weil ich über allem schwebe, sondern weil mir eines bewusst geworden ist: Meine Nähzeit ist unglaublich kostbar. Ich will sie nicht an Schnitte und Stoffen verschwenden, die mir nicht gefallen oder deren Qualität mich nicht überzeugt Ich will nicht von Abgabetermin zu Abgabetermin hecheln, meine Haut zu Markte tragen und von Firmen, die mit uns Bloggern einen riesigen Reibach machen, unter Druck gesetzt werden. Ja, das wäre dann die Schattenseiten des Bloggens. Wer für einen Meter Stoff alles macht, ist schnell ausgebrannt – und vor allem austauschbar. Natürlich bin ich in einer komfortablen Situation mit dem Schweizer Einkommen (und gut geheiratet habe ich auch ;)), aber ich finde, das sollten sich alle Blogger und Blogger in spe zu Herzen nehmen. Wenn wir immer „hier!“ schreien und auf allen Hochzeiten tanzen, tun wir uns keinen Gefallen.



5. Was würdest Du jemandem mitgeben, der gerade, so wie ich, darüber nachdenkt, ob das (Näh-) Bloggen Sinn macht? 

Im Prinzip genau das. Mit dem Bloggen kann man keinen Rappen/keinen Cent verdienen. Zumindest nicht, wenn man seinen Prinzipien treu bleibt und sich nicht verheizen lässt. Weiter oben habe ich davon gesprochen, wie wichtig es ist, das eigene Profil zu schärfen. Auch das gehört dazu. Sich abgrenzen, sich treu bleiben – und eine Nische finden. Bei mir hat sich relativ früh herauskristallisiert, dass meine Follower meine Texte besonders mögen. Ich versuche dort immer wieder Informationshäppchen unterzubringen, etwas Service zu bieten – und vor allem niemanden zu langweilen. Ausserdem höre ich oft, dass meine Nähprojekte aussergewöhnlich farbenfroh und (hoffentlich) auch farbsicher zusammengestellt sind. Da sich viele da draussen kaum über Sternlimuster hinaustrauen, könnte das die Leute inspirieren - oder wenigstens faszinieren. (Zur Erklärung: Ich mag die Sachen von Vivienne Westwood auch nicht wirklich, aber ich liebe die Frau, weil sie so ein bunter Vogel ist. Merkt Ihr, dass ich mich gerade mit Miss Westwood verglichen habe? Talk about Bescheidenheit!)

6. Wo geht Deine persönliche Blogreise hin? 

Wie Ihr alle sehen könnt, trage ich keine Kleidergrösse 38. Ich weiss noch genau, wie schwer es war, mich das erste Mal in meiner ganzen (!) Schönheit zu zeigen. Das Feedback war aber überwältigend. Dafür danke ich den Leuten da draussen von Herzen. Ich möchte in Zukunft mehr für mich nähen, möchte zeigen, was gut zu meinem Figurtyp passt – und was weniger. Jeder von uns ist anders, es gibt Leute, die haben Beine bis zum Hals, andere Affenarme, es gibt die Molligen und die Hüftschiefen, die Busenwunder und die wandelnden Bügelbretter. Insofern ist die Idee, Kleider ab Stange zu verkaufen, echt idotisch. Aber wem sage ich das?



Ich, die Mädchenmutter, versuche diesbezüglich ein Vorbild zu sein. Es kann nicht unser Job sein, einem unerreichbaren Ideal hinterherzulaufen. Wir Frauen (und Männer) sollten vielmehr lernen, unsere Körper zu lieben. Wir haben die Macht, uns Kleider zu nähen, die uns passen und unsere Vorzüge hervorheben. Das ist übrigens das Tollste überhaupt an der ganzen Stahlarbeit.

Herzlich
Bettina

P.S. Wenn alles gut läuft, dann werdet Ihr bald mehr von mir hören. Ich hätte da nämlich eine Idee...

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1 Kommentar:

  1. Danke für das Interview. Ja, ich kenne diesen Blog und liebe Texte und bin begeistert, wie die Schnitte und Stoffe Bettina schmeicheln. Das hat sie raus. Bin begeisterte Leserin und ja auch die Texte. Bettina trifft es!

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